krisenchat im Interview
Was macht krisenchat und an wen richtet sich Ihr Angebot?
krisenchat ist Deutschlands größte digitale Krisenberatung für Kinder und Jugendliche in seelischen Notlagen. Junge Menschen unter 25 können sich rund um die Uhr, kostenlos und anonym per Chat an unser psychosozial geschultes Beraterteam wenden. Unser Angebot versteht sich als Kurzzeitintervention: Wir sind da, wenn Sorgen zu groß werden, entlasten im Moment und begleiten im Bedarfsfall bei der Suche nach weiterführender Hilfe.
Mit welchen Anliegen wenden sich junge Menschen aktuell besonders häufig an Sie, und welche Entwicklungen beobachten Sie dabei?
Die Bandbreite reicht von Familienkonflikten und Mobbing über Zukunftsängste und Leistungsdruck bis hin zu Depressionen, Selbstverletzung, Kindeswohlgefährdung und Suizidgedanken. Auffällig ist, dass Einsamkeit und soziale Isolation deutlich an Gewicht gewonnen haben – ein Befund, der sich mit der aktuellen Forschung deckt, wonach jeder vierte junge Mensch zwischen 16 und 24 sich häufig einsam fühlt. Gleichzeitig sehen wir, dass digitale Lebensrealitäten – soziale Medien, Schönheitsideale, permanente Vergleichbarkeit – belastende Verstärker sind.
Viele junge Menschen nehmen über digitale Angebote erstmals Hilfe in Anspruch. Welche Rolle spielt Chatberatung dabei, neue Zielgruppen zu erreichen?
Der Chat ist für viele junge Menschen der erste Schritt überhaupt – oft lange bevor sie sich an eine Beratungsstelle vor Ort wenden würden. Niedrigschwelligkeit, Anonymität und die Möglichkeit, sich schriftlich zu sortieren, senken die Hürde enorm. Besonders erreichen wir damit Gruppen, die im klassischen Hilfesystem sonst schwer anzutreffen sind, etwa junge Menschen mit belastenden Familiensituationen oder mit Stigmatisierungserfahrung.
Wie hat sich die Statistik zu psychischen Belastungen bei jungen Menschen in den letzten Jahren entwickelt?
Rund zwei Millionen der 15- bis 24-Jährigen in Deutschland gelten heute als psychisch belastet, und weltweit beginnen etwa 62 Prozent aller psychischen Erkrankungen vor dem 25. Lebensjahr. Seit der Coronapandemie sehen wir eine anhaltend hohe Belastung, die sich durch die Dauerpräsenz heftiger globaler Krisen weiter verstärkt. Gleichzeitig steigen die Wartezeiten für Therapieplätze weiter an, oft sechs Monate. Diese Versorgungslücke ist genau der Raum, in dem digitale Ersthilfe gebraucht wird.
Peter Rosenberger, Head of Partnerships |